Schlingensief über Via Intolleranza II

Christoph Schlingensief, 2010

„Hat das Fremdwort „Intoleranz“ auf dem afrikanischen Kontinent überhaupt eine Bedeutung? Und welche hat es in Deutschland? Macht die Beschäftigung damit Sinn? Oder ist das Fremd- nur ein Füllwort, mit dem wir Gegensätze zwar markieren (vielleicht in der Hoffnung, gegen sie anzugehen), mit dem wir sie zugleich aber auch zementieren?!

Wenn wir uns in der deutsch-afrikanischen Arbeit VIA INTOLLERANZA II mit Intoleranz beschäftigen, handelt es sich dann nicht zum wiederholten Male um das Zäumen unseres aufgeklärten Steckenpferdes mit Namen „Humanismus“? Um die Verklärung eigener Intoleranz durch ihre demonstrative Zurschaustellung?

Auch die Rede von unserer Intoleranz gegenüber Anderen, Fremden, greift schon wieder zu kurz. Weil doch das Hauptproblem die Intoleranz gegenüber uns selbst sein könnte, weil wir uns selbst gegenüber lebenslänglich intolerant sind. Wir sind auf dem besten Weg, unsere Individualität und die Querverstrebungen zwischen unseren Kulturen zugunsten von Klischees, Konventionen und dem Kult des Mainstream zu verlieren. Wir haben uns – nur vielleicht heillos – in unserer Sucht nach Symbolik und Spektakel bei gleichzeitiger Vereinfachung aller Komplexität der Zusammenhänge verstrickt. Wir manifestieren uns als hochkulturelle Erste Welt, nicht zuletzt dadurch, dass wir eine vermeintlich Dritte Welt missionieren wollen. Warum aber wollen wir in Westeuropa ständig Afrika helfen, wo wir doch nicht einmal uns selbst helfen können? In Wirklichkeit ist alles noch viel komplexer als komplex … Was also kann das Ziel einer Zusammenarbeit zwischen Afrika und uns sein? Eine Zusammenarbeit, die ohne Sentiment und unser unangenehmes Helfersyndrom auskommt!“